Schamanismus und seine Wurzeln
von Dr. Friedrich Demolsky

Das Phaenomen und seine Anfaenge

Um die Wurzeln des Schamanismus zu erkunden, muessen wir die Periode der Jaeger und Sammler des Palaeolithikums beleuchten. Der homo sapiens, der ‘weise Mensch’ jener Zeit, war im Vergleich zum heutigen Menschen noch immer aeusserst primitiv.

Er wanderte in kleineren nomadischen Gruppen umher, um seine Nahrung auf freier Wildbahn zu beschaffen. Dabei war er ueberall Gefahren ausgesetzt, die seine Existenz bedrohten. Der Mensch der Altsteinzeit kannte nicht nur die Gefahr, die von Mammut und Saebelzahntiger ausging, sondern auch jene der ungezaehmten Kraefte der Natur; er war konfrontiert mit den verheerenden Wirkungen von Gewittern, Blitz und Donner, Sturm und Hagel, Erdbeben, Vulkanausbruechen, Waldbraenden, Ueberschwemmungen und Duerreperioden.

Obwohl unser Vorfahre die gefaehrlichen Wirkungen der Naturkraefte kannte, hatte er nicht die leiseste Ahnung von deren physikalischen Ursachen. Diese Unkenntnis liess ihn vor den entflammten Kraeften der Natur in Angst und Ehrfurcht erschaudern.

‘Wem die Angst im Nacken sitzt, den holen die Daemonen’, ist ein Sprichwort, das im wahrsten Sinne auf unseren Vorfahren zutrifft. Sein Trieb zum Ueberleben liess den Wunsch aufkommen, die Kraefte der Natur zu manipulieren, um sie im eigenen Interesse zu besaenftigen.

Da er aber keinen direkten Einfluss auf dieselben ausueben konnte, musste er - in Unkenntnis ihrer wahren Ursache - davon ausgehen, dass hinter diesen gewaltigen Kraeften ein Geist waltet, ein Wesen, das jene Kraefte willentlich hervorbringt und dirigiert. Es war der reine Ueberlebenstrieb, der ihm diese Annahme suggerierte. Indem er hinter diesen Kraeften ein geistiges Wesen vermutete, eroeffnete sich fuer ihn erstmals eine Moeglichkeit, zumindest indirekt auf die lebensbedrohenden Kraefte Einfluss zu nehmen. Sofern er den ‘Geist’ dahinter fuer sich einnehmen, besaenftigen und guetig stimmen konnte, war er in der Lage, die gefaehrlichen Wirkungen jener Kraefte abzuwenden oder zumindest zu mildern.

Daraus entwickelte sich der Animismus, eine Weltsicht, welche die Natur als von geistigen Wesen beseelt betrachtet (‘Anima’ = Geist oder Seele). Der Gedeihboden fuer die ersten Wurzeln des Schamanismus war damit bereitet.
 

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