Die schamanische Praxis auf Bali - Teil 3 von 3
von Dr. Friedrich Demolsky

Die Faehigkeiten der Baliane Baica, Apun, Taus & Taksu

In Fortsetzung von Teil 1 und 2 dieser Serie beleuchten wir hier die Faehigkeiten bestimmter balinesischer Schamanen vor dem Hintergrund ihrer Gruppenzugehoerigkeit:

Balian Baica

gruendet seine magische Praxis auf den Besitz einer machtvollen Reliquie, welche zum heiligen Familienbesitz solcher Baliane gehoert. Eine solche Reliquie mag ein magisch geladener Kris oder Keris sein (magisch geladener balinesischer Dolch mit schlangenfoermig geschwungener Klinge), oder ein Stueck magisch geladenes Gewand oder Stoff, eine besondere Maske oder Statue, von der macht- und kraftvolle Wirkungen ausgehen. Diese magischen Kraefte oder Energien koennen durch die richtigen Mantras und Opferungen auf Patienten uebertragen werden und Heilung bewirken.

Balina Apun

(auch Balian Uat oder Balian Urat genannt) gruendet seine Praxis auf bestimmten schamanischen Massagetechniken.

Baliane, welche solche Techniken praktizieren, duerfen keinesfalls mit gewoehnlichen Masseuren verwechselt werden, von denen es eine grosse Zahl auf Bali gibt. Der Balian Uat verbindet die physikalische Aktivitaet der Massage mit bestimmten Niskala-Handlungen, um auf die unsichtbaren, in der Welt Niskala vorherrschenden, mystischen Kraefte und Energien durch Gebete und Mantras einzuwirken.

Gewoehnliche Masseure werden hingegen bloss mit den profanen Sekala-Aspekte dieser Taetigkeit in Verbindung betrachtet, welche der sichtbaren Welt angehoeren.

Der Name Balian Urat (oder Balian Uat) stammt von dem weitlaeufig bekannten Konzept betreffend die Existenz von fluidalen 'Kanaelen' oder Eneriebahnen, die auf Bali 'uat' oder 'urat' genannt werden. Diese laufen durch den menschlichen Koerper und verbinden diesen in all seinen Teilen mit dem Chakrensystem. Chakren oder Chakras sind Energie-Foci, die dem Hellsichtigen in unterschiedlichen Farben erscheinen und sich mit unterschiedlicher Geschwindigkeit drehen. Diese Energiepunkte generieren ein Energiefeld, das vom menschlichen Koerper ausstrahlt. Im Weisten verwenden wir die Bezeichnung 'Aura' dafuer.

Durch die obgenannten Kanaele (Uat oder Urat) fliessen verschiedene fluidale Energien, welche die Lebenskraft (Prana) uebertragen und Abfallprodukte entsorgen. Blut ist eine dieser fluidalen Substanzen, aber es gibt noch andere. Ein solcher 'Kanal' muss nicht unbedingt hohl sein. Jede linienfoermige Struktur kann ein Uat sein, zB. auch die Struktur einer Sehne oder eines Nerves.

Die Grundlage der Massagetechnik eines Balian Uat besteht darin, gekruemmte Kanaele (Uat) seiner Patienten neu auszurichten bzw. zu strecken, Klumpen oder andere Hindernisse in ihnen zu entfernen und so den Fluss der Lebenssaefte und Lebensenergien zu stimulieren, damit der Koerper gesunden und sich wieder normal entwickeln kann.

Jede Krankheit sowie das nicht richtige Zusammenspiel von Koerperorganen, Schmerzen, Steifheit, Sterilitaet, Unwohlsein etc. werden auf Bali stets einer ungenuegenden oder unzureichenden Zirkulation jener Lebenssaefte und fluidalen Lebensenergien zugeschrieben.

Balian Kebal

werden jene Schamanen genannt, welche sich darin spezialisiert haben, magische geladene Paraphernalia sowie magisch geladene Amulette, Talismane, Ringe und Wanddekorationen herzustellen oder Kenntnisse von magischen Fluechen haben oder ueber bestimmte Zauberkraefte oder Zaubermittel verfuegen.

Diese Baliane sind auch die Hersteller von Liebestraenken, die dafuer bekannt sind, dass sie die Maedchen aus der Haut fahren lassen, und das Geld der Burschen oder Maenner in die Taschen von Prostituierten. Baliane der Gruppe Kebal koennen auch bestimmte Zeichnungen herstellen, welche in der vom Schamanen genannte Weise verwendet werden muessen, um sich vor spirituellen Angriffen zu schuetzen.

Ueberall auf der Insel ist bekannt, dass durch 'fremdartige', von einem Balian schwarz-magisch impraegnierte Objekte, wenn diese von einem Feind in den Schrein seines Opfers gelegt werden, grosse Probleme fuer letzteres verursacht werden koennen. Der Besitz von bestimmten Sachen, die einst ein Teil des Opfers gewesen sind (z.B. der Besitz eines Haares, ein abgeschnittener Fingernagel oder eine Fotografie des Opfers), bieten eine sehr effektive Moeglichkeit, um letzterem Leid durch magische Flueche oder Verwuenschungen zuzufuegen.

Die Liste der magischen Utensilien solcher Baliane ist beinahe endlos. Sie verkaufen unter anderem auch besonders wirksame magische Steine, welche von den Erwerbern in einem Ring am Finger getragen werden. Solche Steine sind oft nicht besonders schoen, aber jeder Balinese, der sie sieht, erblickt darin etwas besonders Macht- und Kraftvolles. Dem Erwerber wird vom Balian Kebal oftmals fuer den Krankheitsfall geraten, diesen Ring mit dem Stein in ein Glas Wasser zu legen und dieses zu trinken, was zu einer sofortigen Linderung der Erkrankung und zu einer baldigen Genesung beitragen soll.

Balian Taus

sind primaer Geistesmedien.

Sie werden in Anspruch genommen wegen einer grossen Zahl von Anliegen, aber gewoehnlich handelt es sich um ein Problem, das mit einer Krankheit und dem Wunsch zusammenhaengt, mit einer bestimmten Gottheit oder mit einem bestimmten Geist zu kommunizieren, der entweder die Ursache der Erkrankung beseitigen oder eine zielfuehrende Kur vorschlagen kann.

Die Ursache einer solchen Erkrankung ist oft ein Fluch, der von einem Feind aus Eifersucht, Gier oder Leidenschaft bei einem schwarzmagisch operierenden Schamanen in Auftrag gegeben wurde. Machmal handelt es sich aber auch um einen goettlichen Fluch, der wegen einer untauglichen Opferung oder Zeremonie gegen das Opfer gerichtet wurde, oder weil es eine bestimmte Achtsamkeit oder bestimmte Zeremonien missachtet hatte.

Balian Taksu

Die Menschen auf Bali hoeren fuer gewoehnlich von einem Balian Taksu von einem Freund oder Verwandten. Diese Baliane sind ihren Klienten meist nicht von frueher bekannt. Umgekehrt ist das natuerlich nicht der Fall bei solchen Schamanen, deren Profession in der Massage oder im Einrichten von Wirbeln und Gelenken besteht oder die sich als Hebammen betaetigen.

Und natuerlich trifft dies auch nicht auf jene Baliane zu, die die verschiedenen 'Rites of Passage - Zeremonien' der Balinesen bestimmen bzw. durchfuehren oder die einen guenstigen Termin fuer bestimmte Unternehmungen festlegen. In all den letztgenannten Faellen ist der Balian immer eine im Dorf bekannte Person, die gerne ins Haus der Familie kommt und den die Familie vielleicht schon seit sehr langer Zeit kennt und zu Rate zieht.

Ein Balian Taksu macht hingegen keine Hausbesuche. Menschen, die ihn konsultieren wollen, muessen oft eine lange Reise in Kauf nehmen, um zu seinem Haus zu gelangen. Dazu ist es erforderlich und wichtig, zuvor einen dafuer guenstigen Tag zu bestimmen.

Einige Baliane Taksu praktizieren an bestimmten Tagen nicht; zB an Pasah, dem ersten Tag der "Drei-Tage-Woche". Baliane Taksu sind haeufig Frauen. Sie ziehen ihre Klienten durch Mundpropaganda an. Selbst dann, wenn Klienten grosse Sorgen haben, muessen sie oft Stunden warten bis ihnen eine Konsultation ermoeglicht wird.
 

Die Séance - Besuch eines Balian Taksu - Teil 1
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